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Total verrückt oder doch gesund? Winterbaden im Altmühlsee

Als ich die ersten vorsichtigen Schritte in den Altmühlsee laufe, zerbricht unter meinen nackten Füßen die dünne Eisschicht auf der Wasseroberfläche. Ich muss aufpassen, dass ich mir nicht am Eis die Fußsohlen zerschneide und wate vorsichtig weiter. Ich spüre die ungläubigen Blicke einiger Spaziergänger im Rücken. Dick eingepackt stehen sie am Uferweg, während ich im Bikini Schritt für Schritt tiefer in den See hineingehe. Nach einigen Metern gibt es keine Eisschicht mehr, sondern nur noch Wasser. Eiskaltes, glasklares Winterwasser. Und oh ja, Jack Dawson im Film „Titanic“ hatte absolut Recht: Das kalte Wasser ist wie tausend kleine Stiche, die man am ganzen Körper spürt. Mit anderen Worten: Es tut zunächst mal höllisch weh, im Winter baden zu gehen. Aber: Es soll auch sehr gesund sein. Und das ist auch der Grund, warum ich in Begleitung von Fitnesstrainer Max an diesem Wintermorgen ein Bad im Altmühlsee nehme.

Max Bauer badet seit Herbst 2018 regelmäßig entweder im Brombachsee oder im Altmühlsee und schwört auf die Wirkung des kalten Wassers. „Ich habe das jetzt den ganzen Winter über durchgezogen“, erzählt mir der 24-jährige Betreiber des Gunzenhäuser Fitness-Studios Speedfitness vor unserem Bad. Und klar, er mache das schon auch zur Stärkung der Abwehrkräfte. „Aber das Wichtigste ist, dass man mit dem Kältetraining lernt, seine Atmung zu kontrollieren. Durch den Schock im eiskalten Wasser ist der erste Impuls, hektisch zu atmen. Aber wir versuchen nun, ganz ruhig ein- und auszuatmen, während wir im See sind.“

Das ist leichter gesagt als getan. Das kalte Wasser ist wirklich wie ein Schock, die Beine schmerzen schon nach wenigen Sekunden aufgrund der Kälte. Sobald mein Rumpf unter Wasser ist, will mein Körper sofort auf Schnappatmung umschalten. Ich versuche, mich zu beherrschen und tief ein- und auszuatmen, wie Max es mir geraten hat. Bei ihm scheint es zu funktionieren: Mit stoischer Ruhe sitzt er bis zum Hals im bitterkalten See. Ich hingegen muss mich schon nach kurzer Zeit geschlagen geben und rette mich ans Ufer. Ich frage mich, warum um alles in der Welt man so etwas macht?

Schon nach wenigen Sekunden weiß ich die Antwort. Denn das Gefühl, das meinen Körper nun durchströmt, ist fantastisch. Ich spüre, wie mein Herz das Blut durch meine Adern pumpt und sich eine wohlige Wärme ausbreitet. Erst als ich schon abgetrocknet und fertig angezogen bin, kommt Max auch aus dem See. Mehr als sieben Minuten hat er dort drin ausgehalten – das Ergebnis von monatelangem Kältetraining.

Wim-Hof-Methode nennt sich diese Form des Kältetrainings, benannt nach dem Niederländer Wim Hof. Er ist sozusagen ein Kälte-Guru und davon überzeugt, dass kalte Bäder (oder Duschen) kombiniert mit bewusstem Atemtraining viele Krankheiten heilen und vorbeugen können. Er ist allerdings nicht der erste, der auf die gesundheitsfördernde Wirkung von kaltem Wasser hinweist: Schon Sebastian Kneipp war überzeugter Winterschwimmer in der Donau, angeblich soll er sich so selbst von seiner Lungenkrankheit geheilt haben. Seine Kneipp-Becken sind heute überall in Deutschland zu finden.

In ihrem Buch „Nie wieder krank“ erklären Wim Hof und Koen de Jong, welche Auswirkungen das Atem- und Kältetraining hat. „Wenn Sie sich der Kälte aussetzen, indem Sie beispielsweise in einen kalten See gehen, stoppt der Körper automatisch den Blutfluss zu den weniger lebenswichtigen Körperteilen“, so die Autoren. „Arme und Beine werden weniger stark durchblutet, da sich in ihnen die Blutgefäße zusammenziehen.“ Sobald der Körper wieder in wärmerer Umgebung ist, weiten sich die Blutgefäße wieder und die Durchblutung wird angeregt – das warme, kribbelnde Gefühl stellt sich ein.

Und weitere positive Effekte lassen sich laut Wim Hof (und zahlreichen begeisterten Anhängern) auf das Kältetraining zurückführen: Man fühlt sich fitter und wacher, schüttet Adrenalin und Endorphine aus, baut mehr braunes (arbeitendes) statt weißes (nutzloses) Fettgewebe auf, was zu einer Gewichtsreduzierung führen kann. Außerdem sollen Menschen, die regelmäßig kalt duschen oder baden, über eine höhere Anzahl an weißen Blutkörperchen verfügen – und das ist gut für’s Immunsystem. Das ruhige und gleichmäßige Atmen vor- und während des Kältetrainings soll entspannen und das Verhältnis von Sauerstoff und Kohlendioxid im Körper wieder ins Gleichgewicht bringen.

Ob das wirklich funktioniert? Max jedenfalls scheint tatsächlich sehr fit und bei bester Gesundheit zu sein, erst kürzlich hat er einen alpinen Ultra-Trail von über 100 Kilometern absolviert.

 

Obwohl das sicherlich nicht jedermanns Ziel ist: Tatsächlich lehrt einem das Baden im eiskalten See auf schmerzlich-direkte Art und Weise, wozu unser Körper fähig ist und was für ein Wunderwerk unser Herz-Kreislaufsystem ist. Den ganzen Tag lang habe ich mich frisch und lebendig gefühlt – und das waren die paar Minuten Kälte schon wert.


Safety first!

Wollt ihr selbst Winterbaden ausprobieren, geht idealerweise am Anfang nicht allein ins Wasser. Übertreibt es nicht mit der Dauer und wärmt euch anschließend gut auf!


 

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