Die Windsbacher kommen! Wer diese Ankündigung hört, der weiß, er darf sich auf Chormusik auf höchstem Niveau freuen. Die Kleinstadt Windsbach – im Landkreis Ansbach gelegen – mit ihren rund 6000 Einwohnern beheimatet seit 80 Jahren einen weltweit bekannten und angesehen Knabenchor – der jetzt Zuwachs bekommen hat. Auch Mädchen singen nun im Chor-Internat und erhalten eine fundierte musikalische Ausbildung. Der Weg dorthin war weit!
Der Windsbacher Knabenchor gehört seit Jahrzehnten zu den bekanntesten und renommiertesten Chören Deutschlands. Seine Konzerte sind schnell ausverkauft, Musikliebhabende reißen sich um die Eintrittskarten. Wer ein Konzert der Windsbacher besucht hat, zeigt sich fasziniert von der Klarheit der Stimmen, der Sanftheit und zugleich Wucht des Chores. Das Ergebnis harter Arbeit. Doch die Geschichte der Windsbacher erzählt nicht nur von Konzerten, Jubelstürmen des Publikums und zahlreichen Auszeichnungen. Sie erzählt auch von Gemeinschaft, von musikalischer Leidenschaft und davon, wie Tradition lebendig bleibt. Heute mehr denn je – denn mit dem neuen Mädchenchor beginnt ein weiteres, spannendes Kapitel.

Die „Heimatkirche“ des Windsbacher Knabenchors ist die Kirche St. Lorenz in Nürnberg. Foto: Katharina Gebauer
Die Erfolgsgeschichte beginnt 1946
1946 wurde der Windsbacher Knabenchor von Hans Thamm, einem ehemaligen Sänger des Dresdner Kreuzchors, gegründet. Das benachbarte Nürnberg war nach den Bombenstürmen im Zweiten Weltkrieg ein einziger Schutthaufen, viele Menschen kämpften ums Überleben, suchten nach dem Schrecken der Nazizeit Orientierung und neuen Perspektive. Das kleine Windsbach, im ländlich geprägten westlichen Mittelfranken, wirkte abseits der zerstörten Großstadt wie eine Oase. Aus kleinen Anfängen entstand Schritt für Schritt ein Chor, der sich einen außergewöhnlichen Ruf erarbeitete.
Schon früh war klar: Hier sollte nicht nur gesungen werden. In Windsbach entwickelte man ein besonderes Konzept aus Schule, musikalischer Ausbildung und gemeinschaftlichem Leben. Die Jungen lernten nicht nur Noten und Stimmen, sondern auch Konzentration, Verantwortung und Teamgeist. Mit den Einnahmen aus Auftritten wurde jungen Talenten ein Stipendium in Windsbach ermöglicht – eine einmalige Chance.

Der Windsbacher Knabenchor im Neuen Museum Nürnberg. Foto: Katharina Gebauer
Der besondere Windsbacher Klang
Die Anfänge waren bescheiden. Noten und Partituren mussten schriftlich kopiert werden, Lebensmittel ersangen sich die Jungen in den umliegenden Dörfern. Ihr Fleiß sollte schnell belohnt werden. Bereits 1948 traten die Windsbacher auf der Bachwoche Ansbach auf, auch erste Rundfunk- und Schallplattenaufnahmen folgten rasch. Der Erfolg war hart erarbeitet – mitunter möglicherweise zu hart, wie spätere Aussagen von Chorjungen ergaben. Was die Windsbacher bis heute auszeichnet, ist ihr unverwechselbarer Klang: klar, präzise, transparent – und gleichzeitig ausdrucksstark. Generationen von Sängern haben diesen Stil geprägt und weitergegeben.
Zum Repertoire gehören vor allem große geistliche Werke. Besonders die Musik von Bach, Händel oder Mendelssohn ist eng mit dem Chor verbunden. Dafür stehen die Windsbacher – das begeistert Musikliebhabende. Gleichzeitig haben die Windsbacher immer wieder gezeigt, dass Tradition nicht Stillstand bedeutet und es sich auch lohnt, neue musikalische Wege zu gehen.
Unter ihren Leitern entwickelte sich der Chor zu einem internationalen Botschafter. Vor allem durch Karl-Friedrich Beringer, der dem Chor von 1978 bis 2011 vorstand, erreichten die Windsbacher internationales Niveau. Sie sangen in bedeutenden Konzerthäusern und Kirchen in Europa, Amerika und Asien. Zahlreiche Preise und Auszeichnungen machen deutlich: Aus Windsbach kommt seit Jahrzehnten Chormusik auf aller höchstem Niveau. Der Chor ist eine Einrichtung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und erfüllt unter anderem in Windsbach und Nürnberg liturgische Aufgaben. Aktuell ist Ludwig Böhme der Künstlerische Leiter der Windsbacher.

Seit 2022 ist Ludwig Böhme der Chorleiter des Windsbacher Knabenchors. Foto: Katharina Gebauer
Mehr als ein Chor – eine prägende Zeit fürs Leben
Fragt man ehemalige Windsbacher – davon gibt es rund 1500 – nach ihrer Zeit im Chor, erinnern die sich oftmals nicht zuerst an umjubelte Konzerte, sondern vielmehr an den Alltag im Internat: gemeinsame Proben, Reisen, intensive Arbeitsphasen – und vor allem an Freundschaften, die oft weit über die Chorzeit hinaus bestehen. Der Chor steht deshalb bis heute für mehr als musikalische Leistung. Er schafft einen Raum, in dem junge Menschen Selbstvertrauen entwickeln, Verantwortung übernehmen und erleben, wie aus vielen einzelnen Stimmen etwas Gemeinsames entsteht.
Ein neues Kapitel: Der Mädchenchor erweitert die Windsbacher Idee
Fast acht Jahrzehnte lang war die musikalische Ausbildung in Windsbach eng mit dem Knabenchor verbunden. Mit dem Aufbau des Mädchenchores wird diese Tradition seit 2025 nun erweitert – nicht als Bruch mit der Geschichte, sondern als bewusste Weiterentwicklung. Bei den Mädchen soll es wie bei den Jungs laufen: musikalische Exzellenz, intensive Förderung und die Verbindung von Ausbildung und Gemeinschaft. Doch es entsteht etwas Eigenständiges. Die Sängerinnen durchlaufen eine systematische chorische Ausbildung – vom Einstieg in vorbereitende Gruppen bis hin zum eigenständigen Konzertchor. Dabei geht es nicht allein um Technik oder perfekte Intonation. Im Mittelpunkt stehen musikalische Entwicklung, Ausdruck, Bühnenpräsenz und vor allem das gemeinsame Erleben von Musik.

Der neue Mädchenchor der Windsbacher. Foto: Katharina Gebauer
Besonders spannend ist dabei die Perspektive: Der Mädchenchor soll nicht einfach den Klang des Knabenchores übernehmen, sondern eine eigene musikalische Handschrift entwickeln. Mädchenstimmen bringen andere Farben, andere Möglichkeiten und neue Repertoireideen mit – von geistlicher Chormusik bis hin zu Werken, die speziell für Mädchen- und Frauenstimmen geschrieben wurden. Ein neues Kapitel der Chormusik! Auch organisatorisch wächst Windsbach weiter. Die Sängerinnen werden Teil des Campuslebens und erleben dieselbe besondere Verbindung aus Schule, musikalischer Förderung und Gemeinschaft, die Generationen von Windsbachern geprägt hat.
Claudia Jennings – die neue Chorleiterin
Eine Neugründung braucht zunächst ein Konzept. Sie benötigt aber zudem eine echte Persönlichkeit, die dieses umsetzt, mit Leben füllt und weiterentwickelt. Gesucht – gefunden! Claudia Jennings ist die neue Chorleiterin. Sie bringt viel Erfahrung mit. Ihre Aufgabe reicht weit über das Dirigieren hinaus. Sie begleitet den Entstehungsprozess eines neuen Ensembles von Grund auf: Sängerinnen gewinnen, Stimmen entwickeln, einen gemeinsamen Klang formen und gleichzeitig eine Kultur schaffen, in der sich musikalischer Anspruch und Freude am Singen verbinden. Schließlich soll das Singen Spaß machen.

Claudia Jennings leitet den neuen Mädchenchor in Windsbach. Foto: Uwe Hauth
Die Neue bringt enorme Erfahrung aus der Kinder- und Jugendchorarbeit nach Windsbach mit. Gerade in diesem Bereich ist Feingefühl gefragt: Junge Stimmen müssen sorgfältig aufgebaut werden, musikalische Entwicklung braucht Zeit – und gleichzeitig entsteht ein Ensemble nur dann, wenn sich die Sängerinnen als Gemeinschaft verstehen. Der Aufbau dieses neuen Chores bedeutet zunächst vor allem Aufbau von Vertrauen. Welche Werke passen zum Ensemble? Wie entsteht ein eigener Klang? Wie entwickelt sich Bühnenpräsenz? Welche Traditionen sollen übernommen werden – und wo darf Neues entstehen?
Diese Fragen werden die ersten Jahre des Mädchenchores prägen. Es ist eine Entwicklung, die Durchhaltevermögen erfordert, aber auch die Bereitschaft zu Flexibilität. Hektische Betriebsamkeit hilft hier nicht. Das Ziel von Claudia Jennings wird nicht sein, möglichst schnell große Popularität für den Mädchenchor zu erlangen. Sie will langfristig ein Ensemble formen, das künstlerisch überzeugt und eine eigene Identität entwickelt. Bei Musikliebhabenden ist also Geduld gefragt.

Spaß gehört unbedingt dazu beim neuen Mädchenchor der Windsbacher. Foto: Katharina Gebauer
Eine Zukunft mit mehr Stimmen
Der Windsbacher Knabenchor bleibt das Herzstück einer außergewöhnlichen Chorgeschichte. Gleichzeitig zeigt aber die Gründung des Mädchenchores, dass starke und erfolgreiche Traditionen durchaus wachsen können, ohne ihre Wurzeln zu verlieren. Spannende Zeiten in Windsbach. Wir erleben eine Erweiterung einer erfolgreichen Idee. Die Windsbacher! Bisher war damit der weltberühmten Knabenchor gemeint. Jetzt aber auch der neue Mädchenchor. In Windsbach beginnt gerade ein neues Kapitel Chorgeschichte. Neue Stimmen formen einen neuen Klang und sie erzählen neue musikalische Geschichten. Die Vorfreude darf groß sein!
Weitere Infos zu den Windsbacher Chören – auch Auftrittstermine – finden sich auf www.windsbacher.de
