Seen.Land.Blog.

Herzlichen Glückwunsch – 40 Jahre Fränkisches Seenland

Als in der Mitte der 1970er-Jahre die ersten Bagger anrollten, konnte sich wohl kaum jemand in und um Gunzenhausen vorstellen, dass hier einmal eine deutschlandweit bekannte und beliebte Freizeit- und Urlaubsregion entstehen soll: das Fränkische Seenland. Am 1.August 2026 wird es 40!

Das Seenland sollte das verheerende Frühlingshochwasser eindämmen. So sah das Gebiet des heutigen Altmühlsees vor der Flutung aus. Foto: Zweckverband Altmühlsee/Wasserwirtschaftsamt Ansbach

Abstimmung auf gepackten Koffern

Kurz vor der Sommerpause des Bayerischen Landtags 1970 stand im Parlament in München eine weitreichende Entscheidung an. Im Juli wurde über den Bau eines gigantischen Wasserbauprojekts abgestimmt. Jahr für Jahr überschwemmte ein verheerendes Frühjahrs-Hochwasser die Felder im oberen Altmühltal und richtete immense Schäden an. Die Idee: Das Wasser aufstauen und in den trockenen Norden Frankens überleiten. Ein genialer Plan!

Über Jahrzehnte bestimmten Baumaschinen das Bild im Fränkischen Seenland. Foto: Zweckverband Altmühlsee/Wasserwirtschaftsamt Ansbach

Noch heute ranken sich viele Geschichten um diese weitreichende Abstimmung im Bayerischen Landtag. Der Gunzenhäuser CSU-Landtagsabgeordnete Ernst Lechner war einst Motor des Plans dieses Wasserbauprojekts. Mit viel Herzblut und Überzeugungsarbeit versuchte er, Stimmen für das Vorhaben zu sammeln. Um irgendwann auch mal zum Ergebnis zu kommen, ließ er die Abstimmung knapp vor der Sommerpause auf die Tagesordnung setzen. Die Abgeordnteten, so heißt es, sollen schon in Urlaubsstimmung gewesen sein, als Lechners Herzensprojekt zur Abstimmung kam. Die Urlaubskoffer waren wohl schon gepackt, eine kontroverse Diskussion war nicht mehr zu erwarten, der Antrag auf den Bau ging durch. Ein glücklicher Tag für Ernst Lechner, den man ab da zu Recht als den „Vater des Fränkischen Seenlands“ betitelte.

Für den unterirdischen Überleiter vom Altmühlsee zum Brombachsee waren gewaltige Bohrmaschinen im Einsatz. Foto: Zweckverband Altmühlsee/Wasserwirtschaftsamt Ansbach

Es sollten noch fünf Jahre vergehen, bis die ersten Bagger anrückten – und von da an auch an den Wochenende ein nicht enden wollender Touristenstrom. Alle wollten das Entstehen des Seenlands miterleben. So richtig vorstellen, was da in den nächsten Jahrzehnten wachsen sollte, konnten sich wohl nur die wenigsten. Ernst Lechner wusste was kommen wird. Manch ein Landtagskollege tat sich da schwer. Von einer „Weiherlandschaft“ soll da schon mal die Rede gewesen sein.

Goldgräberstimmung und Trauer in der Region

Es herrschte Goldgräberstimmung in der Region. Landwirte richteten auf Wiesen gebührenpflichtige Parkplätze für Baustellentouristen ein, Kurse für zukünftige Zimmervermieter wurden angeboten und die Touristiker begannen fleißig, für das Seenland zu werben, obwohl die Seen noch gar nicht da waren.

Horst Bieswanger war Chef des Kreisverkehrsamtes zu dieser Zeit. Im „Altmühlbote“ erinnert er sich an Besuche auf der Touristikmesse CMT in Stuttgart. Frühzeitig wollte man auf die neue Freizeitlandschaft aufmerksam machen. Auf Karten wurde das Seenland bereits bunt und verlockend dargestellt. Die Realität sah noch anders aus. Bagger, Lastwagen, Kräne und Tunnelbohrer bestimmten über Jahre das Bild. Manch ein erwartungsvoller Besucher soll im Tourismusbüro gestanden und gefragt haben, wo denn eigentlich die angepriesenen Seen seien. Horst Bieswanger und sein Team mussten auf 1986 verweisen. Erst da sollten Altmühlsee, Igelsbachsee und der Kleine Brombachsee für die Öffentlichkeit freigegeben werden.

Die Erdbewegungen beim Bau des Fränkischen Seenlands waren gigantisch. Foto: Zweckverband Altmühlsee/Wasserwirtschaftsamt Ansbach

Mit dem Seenland verbinden sich aber auch Schicksale. Dort wo heute der Brombachsee im Sonnenlicht romantisch glitzert, standen im Tal einst gut ein Dutzend Mühlen. Sie alle sind in den Fluten verschwunden. Einige davon waren seit vielen hundert Jahren in Familienbesitz. Als Außenstehender lässt sich kaum nachvollziehen, was es bedeutet, das Elternhaus, den Familienbesitz in den Fluten untergehen zu sehen.

Natürlich wurden die Menschen – so heißt es – fair entschädigt. Die Emotionen konnten mit dem Geld nicht bezahlt werden. Der Verlust der persönlichen Heimat beschäftigte viele ein Leben lang. Doch damals standen individuelle Interessen noch hinter dem Allgemeinwohl, erzählt Franz Egerer im „Altmühlbote“. Sein Elternhaus, die Langweidmühle, musste ebenfalls dem Seenland weichen.

Kaum jemand macht sich noch Gedanken darüber, dass diese herrliche Seenlandschaft künstlich geschaffen wurde. Foto: Klaus Seeger

Das Seenland als Wirtschaftsfaktor

Inzwischen zieht das Seenland nicht nur zigtausende Touristen an, es ist auch Arbeitsplatz für viele Menschen aus der Region. 1,3 Millionen Übernachtungen im Jahr wollen erstmal bewältigt werden. Der Tourismus ist inzwischen zu einem wertvollen und nicht mehr wegzudenkenden Wirtschaftsfaktor geworden. Grund für den Bau des Seenlandes war die Verhinderung der Extremhochwasser und die Versorgung des wasserarmen Nordens in Franken. Im Landtagsbeschluss von 1970 ist zwar auch vom Tourismus zu lesen, doch wie stark er einmal eine ganze Region prägen wird, konnte man sich damals wohl kaum vorstellen.

Kamen die ersten Urlaubenden vielleicht zunächst aus reiner Neugierde, um das Ergebnis der monumentalen Baumaßnahme zu begutachten, hat das Fränkisches Seenland längst seine Fans gewinnen können. Viele Gäste reisen seit Jahrzehnten in die Region und genießen den fränkischen Charme in herrlicher Landschaft. War der Tourismus für heimische Anbieter anfangs noch ein echtes Abenteuer, ist es heute Leidenschaft verbunden mit gesunder Professionalität.

Stück für Stück nahm das Seenland Gestalt an. Neben den großen Feierlichkeiten bei der Inbetriebnahme gab es immer wieder kleinere Feiern bei der Fertigstellung eines Abschnitts. Foto: Zweckverband Altmühlsee/Wasserwirtschaftsamt Ansbach

Region hat ihren Charakter bewahrt

Das Seenland ist keine glattgebügelte Urlaubsregion, die nur den Umsatz im Blick hat. Die Region hat trotz aller Baumaßnahmen ihren Charakter bewahren können. Unverfälscht und fränkisch, so lieben es viele Gäste.

Heute dürfte ein so großangelegtes Bauprojekt wohl kaum mehr möglich sein. Nicht allein wegen der Kosten. Planung, Genehmigung und vor allem die anhängigen Klagen gegen ein solches Projekt würden wohl einen Baubeginn oder eine Fertigstellung um Jahre oder Jahrzehnte verschieben.

Vorplanungen Mitte der 1960er Jahre, Beschluss 1970, Baubeginn 1975, Teilfreigabe 1986, Überleitung des Wassers 1993, Gesamtfertigstellung 2000. Für ein Regionen übergreifendes Bauwerk ist das ein straffer Zeitplan. Am 1.August 1986 herrschte großer Bahnhof bei Gunzenhausen. CSU-Urgestein Franz Josef Strauß erteilte als damaliger Bayerischer Ministerpräsident die Freigabe für den Altmühlsee, Igelsbachsee und Kleinen Brombachsee. Edmund Stoiber gab 2000 das gesamte Seenland als Ministerpräsident frei.

Es ist geschafft! Am 1.August 1986 gab Ministerpräsident Strauß Altmühlsee, Igelsbachsee und Kleiner Brombachsee frei. In der Bildmitte: Der Gunzenhäuser Landtagsabgeordnete Ernst Lechner – der Vater des Fränkischen Seenlands. Foto: Zweckverband Altmühlsee/Wasserwirtschaftsamt Ansbach.

Ganz egal ob Urlaubende oder Einheimische, wohl kaum jemand macht sich heute noch Gedanken darüber, dass diese beliebte Freizeitlandschaft künstlich geschaffen wurde. Doch sie ist längst Realität und Teil des Lebens der Menschen geworden. Der Bau war eine enorme Chance für die Region. Die Menschen haben sie genutzt, entwickeln die Möglichkeiten weiter, profitieren vom Seenland. Ernst Lechner durfte das Seenland bis zum Jahr 2013 erleben. Er hat die Entwicklungen – auch nach seiner politischen Laufbahn – immer mit Leidenschaft verfolgt. Es muss für ihn ein beglückendes Gefühl gewesen sein, zu sehen, was aus dem Landtagsbeschluss vom Juli 1970 gewachsen ist.

Dieser Stein erinnert an die Inbetriebnahme des Seezentrums Schlungenhof im Herbst 1987. Ein Jahr zuvor wurde der Altmühlsee seiner Bestimmung übergeben. Foto: Klaus Seeger


UNSER TIPP:

Die Geschichte des Fränkischen Seenland ist auch in der historischen Scheune der Mandlesmühle im Infozentrum „Seenland – Wasser für Franken“ dargestellt. Unbedingt einen Besuch wert! Der Eintritt ist frei. https://blog.fraenkisches-seenland.de/2024/04/zurueck-in-die-vergangenheit-ein-ausflug-ins-infozentrum-seenland/

Auch der Seenland Express hält direkt an der Mandlesmühle: https://blog.fraenkisches-seenland.de/2026/05/mit-dem-seenland-express-unterwegs/

Alle Infos zum Fränkischen Seenland sind hier zu finden: http://www.fraenkisches-seenland.de

Diesen Artikel teilen:

Kommentar verfassen